Wie das mit dem Sterben ist

 

Bei uns auf der Lungenstation sterben wöchentlich im Schnitt drei Leute. Meist tun sie das auf einmal. Keine Ahnung warum das so ist. Aber es ist so. Manchmal ist es nur einer, aber Tage danach ist wieder die Flut an abgesperrten Zimmern zu sehen. Und es riecht auf der Station nach verbrannter Luft, was den Kerzen und Friedenslichtern geschuldet ist, die dann immer mal brennen. Für eine Zeit lang. Denn die Toten liegen durchaus einige Stunden auf der Station.
Sie sterben in der Regel zu früh an Lungenkrebs, oder Lungenerkrankungen im fortgeschrittenen Alter. Die Letzteren kann man schon Tage früher erkennen. Sie liegen dann agonisch in ihren Betten und befinden sich in einer Art Tiefschlaf aus dem man sie tunlichst nicht weckt. Ohnehin sind sie danach nicht ansprechbar. Man erkennt das daran, dass Angehörige nun Tag und Nacht bei den Terminalen sitzen und wachen. Und die Schwestern sich auch nicht mehr die Mühe machen zu füttern. Nicht, dass sie das Unvermeidliche noch abwenden könnten. Mir kommt vor, sie nehmen am Unfassbaren teil. Am Unfassbaren und doch so Realem, denn wie meine Kollegin, heute angesichts dreier Toter, meinte, dies sei wohl das Letzte uns Verbindende; alle müssen sich dem unterziehen, niemand komme da davon. So gerecht sei die Welt.

Die die an Krebs sterben, sterben früher, nicht so fortgeschritten im Alter, sie kämpfen um jeden Atemzug, wohl wissend, ihr Herz, ihre Lunge, wird in ein paar Stunden einfach nicht mehr können und sie in Agonie schicken. Die Angst steht ihnen ins Gesicht geschrieben, sie weinen, wenn sie mit Angehörigen telefonieren, sofern sie noch ein paar Worte rausbringen. Sie schauen einen aus großen panikerfüllten Augen an und scheinen zu fragen, ob man denn wüsste wie das endet. Man agiert souverän, ist ja nicht selbst betroffen und weiss, man ist es in ein paar Jahren. Man reagiert souverain und alles bleibt einem im Hals stecken, denn man weiss, man ist durchschaut.

Es endet im Tod. Er kommt oft in dieser Station und er kommt schmerzlos. Soweit ich das erlebt habe. Danach sind alle auf der Station erst mal bedrückt, haben sie doch allesamt meist eine lange Leidensgeschichte des Verstorbenen auch miterlebt. Sie haben alle die letzten wachen und beinahe agilen Momente erlebt in denen man schon fast das Gefühl hatte, es sei eh alles halb so schlimm. Aber alle wissen auch, dass das normal ist. Das letzte bewusste Erleben vor dem ewigen Schlaf.

Heute bin ich in das Zimmer einer der Toten gegangen um die Wochenkarte auszuwechseln. Eine triviale Tätigkeit, weil morgen in diesem Zimmer ein neuer Patient liegen wird, der bald sterben wird. Dort lag sie, den Mund weit offen, sie haben sträflicher Weise das Kinn nicht mit einer Binde nach oben fixiert. Tote sind gelblich, sie wirken wie aus Wachs und man fühlt sich sofort kalt berührt angesichts dieser leblosen Masse. Und in der Tiefe der Gefühlswelt kriecht dieses Gefühl hoch, das man selbst bald so herum liegen wird, dann abgeholt, in eine Kiste gesteckt und dem Feuer überantwortet wird.

Seit ich dort arbeite suchen mich jede Nacht Albträume heim, in denen es nur um Tod und Verwesung geht. Um die scheinbare Sinnlosigkeit des Lebens und die schiere Absurdität dieses Kreislaufes. Leben um zu Sterben. Wohin ist mein Epikurismus verschwunden?

Und ich wollte nachdem meine Mutter vor 2 Jahren auf ebendieser Station ebenso gestorben ist, die letzten, vielleicht und hoffentlich, 20 Jahre meines Lebens mit Hühnern und vor allem mit dem Leben verbringen. Wiewohl ich weiss, der Tod ist überall. Auch in dem Huhn das ich schlachte und dann verspeise, in dem Ast des Walnussbaumes den ich in meinem Ofen verbrenne. Er gehört zum Leben. Was ich nicht so wahrhaben will ist, dass er so aussieht, wie ich ihn dort erlebe. Auf der Lungenstation. Der Blitz soll mich treffen.

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